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Mittwoch, 30.12.2009 Zurück zur News-Startseite

Aufbaustunden am Weizengrund: "Am Wochenende wurde gemuskelt"

Neubauwohnungen für Alt-Olvenstedter – vor fünf Jahrzehnten zog diese Vision ein ganzes Dorf in seinen Bann. Alle schippten, mauerten und malerten mit. Auf Ackerland am Feldweg zogen Dorfbewohner mühevoll die ersten Wohnblöcke hoch. "Jeder, der einen Spaten halten konnte, wurde rangeholt", sagt Dieter Schäfer (76), Mann der ersten Stunde und damaliger Vorsitzender der Wohnungsbaugenossenschaft Aufbau Olvenstedt. Viele wollten eine haben, doch am Ende gab es nur 42 Traumwohnungen mit Errungenschaften wie Bad und Balkon.

Alt-Olvenstedt. Willi Knebel (78) wurde vor 50 Jahren Mitglied der jungen Genossenschaft Aufbau Olvenstedt. Der gebürtige Schlesier, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlingskind ohne Vater und Mutter nach Olvenstedt gekommen war und hier zunächst über einem Pferdestall seine erste Bleibe gefunden hatte, sehnte sich, inzwischen mit Frau und Kind, nach einer geräumigen Neubauwohnung mit allen Annehmlichkeiten. Am Weizengrund sollten solche Wohnungen entstehen. Viele träumten von einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung mit 60 Quadratmetern. Also packte auch Willi Knebel kräftig mit an. Aufbaustunden waren angesagt. Und das an den Wochenenden, neben der eigentlichen Arbeit.

So war es auch beim damaligen Genossenschaftsvorsitzenden Dieter Schäfer (76). "Ich arbeitete die ganze Woche über in meinem Beruf als Schlosser. Und am Wochenende wurde gemuskelt." Die Aussicht war verlockend: "Wer hatte denn schon eine Wohnung mit Bad und Balkon hier in Olvenstedt?", sagt Schäfer.

Ihn, den Schlosser Dieter Schäfer, hatten die Olvenstedter zum Vorsitzenden ihrer Wohnungsgenossenschaft bestimmt. Zur offiziellen Gründungsversammlung waren bereits 1958 rund 70 Interessenten gekommen. Ursprünglich waren zehn Wohnblöcke vorgesehen, drei Gebäude mit insgesamt 42 Wohnungen wurden es am Ende nur.

Solche heute im Volksmund als "Altneubauten" bekannten Blöcke mit Spitzdach entstanden damals in vielen Städten und Gemeinden der DDR nach zentral erstellten Bauplänen. Das Geld trieb in Olvenstedt ein Mitarbeiter der Gemeinde auf: "Die Gemeinde hat Finanzen und Verwaltung übernommen, das hätte von uns Genossenschaftern ja keiner nebenbei machen können, weder zeitlich noch fachlich", sagt Schäfer.

Von den Mitgliedern war vor allem Muskelkraft gefordert. Doch das schweißtreibende Mammutprojekt wurde zur Gemeinschaftsaufgabe für ein ganzes Dorf: "Jeder, der einen Spaten halten konnte, wurde rangeholt", sagt Schäfer. Stein auf Stein wuchsen die Gebäude. Professionelle Unterstützung gab es von Firmen wie dem damaligen Baubetrieb Olvenstedt oder später dem Kreisbaubetrieb Wolmirstedt. Aus der Olvenstedter Ziegelei kamen Dachziegel.

Der Bau am Weizengrund – offizieller Spatenstich auf Ackerland am alten Feldweg war schon im Herbst 1958 – war mit vielen Hindernissen verbunden. "Es gab zunächst keinen Strom und kein Wasser. Die LPG kam mit einem großen Wasserwagen. Auf dem Schrottplatz in Magdeburg haben wir einen riesigen Behälter für das Wasser aufgetrieben", erzählt Schäfer. Später bohrte der Spezialbau Magdeburg einen 60 Meter tiefen Brunnen. "Ich erinnere mich gut an das Erlebnis, als zum ersten Mal Wasser in den Toiletten ankam. Das war wie Weihnachten."

Doch wohin mit dem Schmutzwasser? Viele Jahre gab es nur eine große Klärgrube. "Nach der Eingemeindung Olvenstedts nach Magdeburg wurden unsere Häuser erst an die Wasserentsorgung angeschlossen", sagt Schäfer, der selbst 1961 mit seiner Familie in eine Wohnung im ersten fertiggestellten Block am Weizengrund eingezogen war und bis heute hier wohnt.

Auch Willi Knebel ist nie mehr weggezogen, seit er mit Frau und Kind 1965 nach vielem Hin und Her endlich eine Neubauwohnung am Weizengrund ergattert hatte. Gas-Kohle-Herd in der Küche und Kachelofen im Wohnzimmer sind inzwischen auch schon lange Geschichte. Schon vor Jahren wurden die Wohnblöcke saniert. Die Wohnungsbaugenossenschaft "Otto von Guericke" sorgte dafür. Im Jahr 1982 wurde Aufbau Olvenstedt in die Magdeburger Guericke-Genossenschaft integriert, so wie eine Reihe weiterer kleinerer Genossenschaften.

Die Geschichte(n) und die Aufbauleistungen in den Stadtteilen sind nicht vergessen. So ehrte die "Otto von Guericke" in den vergangenen Wochen nach Angaben von Marketingchefin Juliane Splitt ihre Genossenschafter für mehr als 50 Jahre Mitgliedschaft. Viele Erinnerungen und Bilder sind in einer Chronik für die Nachwelt festgehalten worden. So ist natürlich auch nachzulesen, wie in Olvenstedt vor fünf Jahrzehnten "gemuskelt" wurde.

Autor: Robert Richter (Magdeburger Volksstimme)

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