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Montag, 16.11.2009 Zurück zur News-Startseite

Sorge: Nach der Rassegeflügelzucht kräht vielleicht bald kein Hahn mehr

Die beiden traditionsreichen Magdeburger Rassegeflügelzüchtervereine Diesdorf und Olvenstedt feierten am Sonnabend mit einer Jubiläumsschau ihr 90-jähriges Bestehen. 27 Mitglieder aus Diesdorf und 17 Mitglieder aus Olvenstedt zeigten 466 Tiere. Erneut konnten die Züchter Pokale einheimsen, doch in einem Punkt gehen sie seit Jahren leer aus: der erfolgreichen "Nachzucht" der Mitglieder.

Diesdorf/Alt-Olvenstedt. Vorsichtig holt Kay Marschall eine seiner Tauben aus dem Käfig und hält sie in die Kamera. "Es ist ein Dänischer Tümmler ,Weißschlag rot‘", sagt er. 2008 wurde er mit der Zucht Landesmeister. Der Bergmechaniker aus dem Kaliwerk Zielitz hat sichtlich Freude daran, seinen Zuchterfolg öffentlich auszustellen. Schließlich hat er in den vergangenen Jahren nicht nur jede Menge Zeit, sondern auch Geld investiert.

Der 24-Jährige ist gemeinsam mit seinem Vereinskollegen Sebastian Schulze der jüngste Züchter im 1. Rassegeflügel-Verein Diesdorf 1919 e.V. Beide gehören ganz offensichtlich einer "aussterbenden Spezies" an, was angesichts der langen Traditionen hin und wieder auf die Stimmung drückt. Diesdorfs Vereinsvorsitzender Lutz Witte: "Auch wir haben nur zwei Jugendliche im Verein. Patrick Grunig hat zehn Tauben und. Jan Götze züchtet Hühner. Der nächst ältere Züchter ist bereits jenseits der 40. Unser ältestes Mitglied ist 80 Jahre alt."

In Olvenstedt bringt es das älteste Mitglied sogar auf 86 Jahre. Mit sechs Jahren hatte Ernst Heinecke damals bei seinem Vater die Geflügelzucht begonnen und ist inzwischen der erfolgreichste Züchter der Stadt. Zumindest bescheinigen ihm das seine Kollegen aus beiden Vereinen. Ein großes Vorbild für den Nachwuchs, der allerdings immer weiter ausdünnt.

Lutz Witte: "Wenn wir bei unserer Nachwuchswerbung dann die Kinder so weit haben, machen uns die Eltern einen Strich durch die Rechnung. Sie meinen, dass die ganze Familie dann nicht mehr in den Urlaub fahren kann. Und so wird der Gedanke einfach wieder beiseite gewischt." Es gebe eben heutzutage andere Prioritäten.

Der 24-jährige Kay Marschall hält gegen: "Sicherlich hat man eine hohe Verantwortung gegenüber seinen Tieren. Diese kann man natürlich nicht einfach beiseite packen, wie ein Motorrad." Aber das ist ja gerade das Schöne daran, wenn man erlebt, wie seine Tiere aufwachsen. Viele Kinder wüssten indes nicht einmal, wie das mit dem "Aufwachsen" funktioniere. Eine Züchterin berichtete, dass sie angesprochen wurde, wo denn der Einkaufsmarkt sei. Wo sollen denn sonst die Eier da herkommen?

Bei einer gemeinsamen Aktion mit der Grundschule Diesdorf hatten die Kinder Hähne malen sollen. Was dabei herauskam, war vor allem bunt. Mit einem Hahn hatte es oftmals wenig zu tun, meinte Lutz Witte. In seiner Grußansprache zur Eröffnung der Jubiläumsschau frotzelte Wigbert Schwenke: "Ich fürchte, wenn wir heute unsere Stadtkinder Kühe malen lassen, sind über die Hälfte lila."

Damit es erst gar nicht so weit kommt, engagieren sich die Vereine sehr stark in der Nachwuchsarbeit. So ließen die Züchter in der Grundschule Diesdorf die Kinder 21 Tage lang einen Kükenschlupf beobachten. "Alle sieben Tage haben wir dann die Eier durchleuchtet, um das Entwicklungsstadium zu beobachten", erzählt Vereinsvorsitzender Witte. Die Aktion sei wirklich sehr gut angekommen. Nur Interessenten habe sie dem Verein nicht gebracht. Auch die Politik hat die Nachwuchssorgen der Zuchtvereine ganz offensichtlich schon erkannt. Referatsleiter Horst Blum vom Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz bei seiner Ansprache am Sonnabend: "Wir haben die Jugendschauen schon extra mit in die Förderung auf
genommen. Nirgends kann man die Lebenszyklen besser miterleben, als bei solchen Zuchten."

Bleibt für die Züchter am Ende zu hoffen, dass der Witz aus dem Begleitheft zur Jubiläumsschau auch einer bleibt: "Die kleine Petra ist zum ersten Mal auf dem Lande und sieht am Abend der Bäuerin beim Huhnrupfen zu. Meint sie: Tante, ziehst du die Hühner jeden Abend aus?"

Vereinsvorsitzender Lutz Witte bleibt optimistisch: "Rassegeflügel züchten ist erlebte Natur. Und das sollten sich auch die jungen Leute nicht entgehen lassen. Wir werden auch in den nächsten Jahren in die Nachwuchsarbeit investieren."

Autor: Matthias Fricke (Magdeburger Volksstimme)

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